„Geh nicht mit einem Fremden mit“, dies wird uns in der Schweiz als Kind eingebläut. Doch genau dies taten wir im Iran, sogar mehrmals. Aber nochmals von Anfang an:
Ende Juli 2024 überqueren wir die türkisch-iranische Grenze mit dem Velo. Der erste Grenzbeamte begrüsst Tobi mit einem ‚Welcome to Iran, Bro‘. Wir können an der langen Warteschlange vorbei und unser Gepäck wird weder gescannt noch bekommen wir irgendwelche Fragen gestellt – das geht einfacher als gedacht. Also los geht’s mit dem Velo in die erste grössere Stadt nach der Grenze. In Khoy treffen wir einen iranischen Freund. Unter Überlandreisenden ist er bekannt für seine Hilfsbereitschaft und mit ihm zusammen organisieren wir eine SIM-Karte, wechseln Geld, erhalten eine iranische Touristendebitkarte und löchern ihn bei unserem ersten iranischen Essen mit Fragen. Diese Begegnung mit ihm hilft uns, uns einzugewöhnen – in ein Land, in dem uns Anfangs alles fremd ist: neue Sprache, neues Geld (mit hoher Inflation), neue Läden, neue Verkehrsregeln u.vm.
Noch etwas unsicher fahren wir Richtung Täbriz. In diesen drei Tagen dürfen wir bereits erste Gastfreundschaft geniessen und kommen mit den Menschen vor Ort ins Gespräch. Die Offenheit und Gastfreundlichkeit der Menschen vor Ort macht es uns leicht, uns rasch einzuleben. Zugleich steht dieses Verhalten auch im Gegensatz, wie wir in der Schweizer leben und auf andere zugehen – oder besser gesagt für uns bleiben. Oft werden wir zu jemanden nach Hause eingeladen, den wir vielleicht fünf Minuten oder eine Stunde kennen. Einerseits gehört das zum höflichen und zuvorkommenden Verhalten namens Taarof. Konkret heisst das, dass eine Einladung oft erst ernst gemeint ist, wenn sie zum wiederholten Mal ausgesprochen wird (die Faustregel besagt nach dem dritten Mal). So kommt es vor, dass uns Angestellte aus dem Supermarkt oder Menschen, denen wir auf der Strasse begnegen uns im zweiten Satz des Gesprächs zu sich Nachhause einladen. Wir haben aber auch das Glück, ernst gemeinte Einladungen zu erhalten und anzunehmen. An einem Abend sind wir auf der Suche nach einem Ort zum wildzelten, als wir vom Besitzer eines Schrebergartens angesprochen und zum Çay eingeladen werden. Wir bekommen allerlei köstliche Früchte serviert und unterhielten uns Bruchstückhaft. Als wir sagen, wir suchten noch einen Schlafplatz, wird uns angeboten, zu ihnen nach Hause zu kommen. Schwupps werden wir ins Auto verfrachtet und fahren 15km in die nahegelegene Stadt. Dort erwarten uns freudige Gesichter und es kamen immer mehr Bekannte der Familie hinzu und wir sassen im geräumigen Wohnzimmer und plaudern. Eine Freundin lädt uns für den nächsten Tag zu sich nach Hause ein und wir verbringen mehr Zeit als geplant im Städtchen.
Solche Gastfreundschaft können wir uns in der Schweiz schwer vorstellen. Wir nehmen uns fest vor, etwas von der iranischen Gastfreundschaft in die Schweiz zu importieren.
Im Iran fahren wir aufgrund der Hitze nur im Norden des Landes Velo. Während der Fahrt bekommen wir oft ein herzliches ‚Hello, how are you?‘, ‚Where are you from?‘, ‚Welcome to Iran‘ zugeworfen. Die Aufmerksamkeit, die wir als westliche Tourist*innen erhalten, ist manchmal schon fast etwas überwältigend. Als wir mit zwei anderen Schweizer Veolfahrer*innen in Isfahan auf dem Bazar spazieren, kommen wir keine fünf Meter weit, ohne angesprochen zu werden. Einige Suchen das Gespräch (teilweise sogar auf Deutsch) und wollen uns unaufdringlich ihren Teppichladen zeigen, andere Sprechen uns an, um für die Schule Englisch zu üben. Seit Corona und den Protesten nach dem Tod von Jina Masha Amini kommen nur noch wenige westliche Tourist*innen ins Land. Die weltpolitischen Spannungen rund um den Israel-Palästina-Konflikt und die Rolle des Irans ziehen auch keine Touristenströme an. Obwohl der Hamas-Anführer gerade umgebracht wurde, als wir fünf Tage in Täbriz sind, entscheiden wir uns nach intensiver Recherche und Gesprächen mit Einheimischen und anderen Reisenden, im Land zu bleiben.
Die innenpolitische Lage im Iran zu beschreiben würde den Rahmen dieses Blogbeitrags sprengen. Dennoch erhalten wir in diesen 50 Tagen im Iran einen Einblick in die Gesellschaft, von dem wenig in den Medien berichtet wird. Die Regierung und die Gesellschaft stehen sich gegenüber. Keine Person mit der wir sprechen, äussert sich positiv über die aktuelle Regierung – einige tun dies etwas diskreter, andere sagen sehr schnell „Iran good, Mullah Piss“. (Dass die wenigsten Menschen, die wir treffen das Regime unterstützen, mag vielleicht auch damit zusammenhängen, mit welchen Menschen wir in Kontakt kommen…) Die Iraner*innen scheinen entweder resigniert – viele junge Menschen möchten das Land verlassen – oder sie leben ihr Leben, ohne sich für die Tätigkeit der Regierung zu interessieren.
Allgemein besteht der Alltag aus dem Ignorieren von Verboten. Beispielsweise sind gewisse Internetseiten wie Instagram gesperrt, jedoch sieht man an jedem Café oder Restaurant ein Hinweis zum jeweiligen Instagramaccount. Auch Alkohol und Parties findet man im religiösen Staat und die strengen Kleidervorschriften sind am bröckeln. Je nach Stadt oder Viertel, tragen mehr oder weniger Frauen Kopftuch. Es kommt vor, dass Frauen Sarah/Safran hinweisen, es sei nicht nötig den Schal (Kopftuch) zu tragen und der Kampf sei fast gewonnen. Die Menschen scheinen einen Weg gefunden zu haben, mit den Verboten und wirtschaftlichen Einschränkungen zu leben. Wie lange wird das noch so weitergehen? Das wird sich zeigen.
P.S. Das Titelbild stammt aus dem Comic "Persepolis" von Marjane Satrapi, welches Tobi und ich in Kerman gelesen haben. Eine unbedingte Leseempfehlung für alle, die mehr über die Zeit nach der iranischen Revolution bis 1990 wissen wollen.
In Zahlen
Iran ist unser bisher grösstes Land, das Spiegelt sich auch in den Zahlen wieder:
- 50 Tage im Land
- 937km mit Velo zurückgelegt
- 73h 32′ im Sattel
- 7050 Höhenmeter
- ca. 740km Taxi für ca. 65chf (da wegen der religiösen Arbaeen-Zeremonie nur wenig Busse vorhanden waren)
- ca. 2080km Bus
- ca. 370km mit dem Nachtzug
In Bildern ⬇️











